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Meinungen
Laudatio zur Ausstellung: “Zeit für Farbe – Malerei + zwei”
von Hildegard Willenbring, Kunsthistorikerin Berlin, 2011
Sehr geehrte Damen und Herren,
“Zeit für Farbe – Malerei + zwei” ist der Titel der gegenwärtigen Ausstellung. Halte ich eine Rede über die Farbe, so verwende ich die Sprache als Kommunikationsmittel. Im Sprachgebrauch selbst finden wir viele Redewendungen, die darauf hinweisen, dass Farbe uns ein Leben lang begleitet. Da gibt es den Ausdruck “wir müssen Farbe bekennen” und, da wir uns hier im Ministerium für Wirtschaft und Europaangelegenheiten befinden, “wir schreiben rote bzw. schwarze Zahlen” oder “wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen” sowie “nachts sind alle Katzen grau”. Die letzte Formulierung zeigt, dass Farbe, physikalisch gesehen, eine reine Lichtreflexion ist. Die Farbe in ihrer Abfolge ist abhängig von der Beschaffenheit der Lichtquelle wie etwa Morgen-, Mittags- und Abendlicht oder künstliches Licht. Eine weitere Abhängigkeit der Farbintensität besteht in der Entfernung des Gegenstandes zum Betrachter. Diese Informationen sind in unserem Gehirn abgespeichert. Hinzu kommen subjektive Erinnerungen und Empfindungen, die wir mit den Farben verbinden.
In der Kunst nutzt der Künstler dieses Potential. Ein Künstler kann mit diesen Wirkungsfähigkeiten der Farbe variieren. So kann er in der Malerei die Farbe lösen von der Funktion einer Eigenschaftsangabe des Gegenstandes und auf diese Weise seelische Stimmungen, seelische Berührtheit und seelische Vorgänge vermitteln. Im besten Fall führt der Künstler uns so zu neuen, uns bis dahin verschlossenen Sichtweisen. Die Farbe an sich gehört zu den künstlerischen Mitteln, die einem Künstler z.B. im Malprozess zur Verfügung stehen.
Der Malprozess ist, bildlich gesprochen, ein Dialog des Künstlers mit dem Bildelement. Farbe und Technik unterstützen den Künstler bei seinem Ausdruck, während das Bildelement mit der weißen Leinwand und ihrer zweidimensionalen Fläche dagegen hält. Das Kunstwerk selbst, als Resultat, ist die Visualisierung der Sprache. Enthalten in diesem Kunstwerk sind die Gedanken und die Emotionen des Künstlers. Uns Betrachtern offenbart sich auf den ersten Blick eine unter Spannung gesetzte Bildfläche mit einer beziehungsreichen Komposition. Investieren wir Betrachter Aufmerksamkeit, gewinnen wir Bilder und Geschichten.
Eine Künstlerin, die dieses bereits Erwähnte beherrscht, ist die aus Jena stammende Brandenburgerin Heike Cybulski. Heike Cybulski hat ihre autodidaktischen Malstudien 1989 begonnen. Ihre Anfänge zeigen Arbeiten auf Papier in einer Mischtechnik mit Collage. Immer auf der professionellen, experimentellen Suche nach dem geeigneten Ausdrucksmittel für sich fertigt sie dann Werke auf Leinwand mit den Materialien Acryl, Tusche, Lack und den verschiedensten Techniken.
Seit 2003 lebt Heike Cybulski als freischaffende Künstlerin in Borkwalde und 2004 wird sie als Mitglied im Brandenburgischen Verband Bildender Künstler aufgenommen. Ab 1993 stellt Heike Cybulski regelmäßig öffentlich aus, in Gruppen- sowie in Einzelausstellungen. Ihre Darstellungsweise ist abstrakt bis abstrakt-figurativ mit Gestaltungselementen des abstrakten Expressionismus. 2007 kommen plastische Arbeiten mit Stahl und Holz hinzu.
In der Malerei arbeitet Heike Cybulski mit Farbfeldern. Die Farbfelder werden gerollt, gespachtelt, gekratzt, frottiert, die Farbmaterialien gemischt in einer Nass-in-nass-Technik. So entstehen mehrere Farbschichten, die die Farbfelder in sich beleben und ihr eine Struktur verleihen. Auf diesen Farbfeldern sind z.T. Formulierungen enthalten, die deutliche Parallelen zu Strukturen in der Natur zeigen oder sie setzt Akzente, die stärker gegenständliche Anklänge aufweisen. Diese Form schafft beim Betrachter Raum für Assoziationen. Der Malprozess ist intuitiv, ohne ein vorher festgelegtes Bildmotiv.
Im Gegensatz hierzu steht die Herangehensweise von Heike Cybulski bei den plastischen Arbeiten. Aus den gesammelten Einzelstücken aus Überesten der industriellen Fertigung setzt sich vor ihrem inneren Auge die Skulptur zusammen. Hat sie die Skulptur aus den Einzelelementen im Kopf komponiert, schweißt sie ein Element der Vision ans andere. Die einzelnen Elemente der fertigen Skulptur gehen eine Beziehung ein, untereinander und mit dem Betrachter. Aus dem am Boden liegenden Abfall ist eine Struktur entstanden, der sich folgen lässt, die mit dem Licht spielt und die sich zu einer abstrakten Gestalt erhebt. Linie und Form der stählernen Einzelstücke gewinnen in ihrer Zusammensetzung ihr Eigenleben. Sie werden zur Ausdrucksarabeske, zum Ausdrucksträger der Skulpturen, die vom Zusammenspiel massiver, hart voneinander abgrenzender Formen und dementsprechend kontrastierenden Licht-Schatten-Feldern charakterisiert sind.
Heike Cybulski besitzt das Gespür für die Balance zwischen eigenen Visionen und allgemeingültiger Zugänglichkeit, Komposition und Farbharmonie. Ihre Kunstwerke bauen Erwartungen auf, ohne sie gleich zu erfüllen. Auf diese Weise fesselt sie den Betrachter, der Freude am Entschlüsseln, am Überlegen und Verwerfen hat. Die Werke bleiben im Gedächtnis und jede neue Begegnung zwischen Betrachter und Kunstwerk bleibt spannend.
Wir, die Anwesenden und zugleich die Betrachter, gehören zur Kunst oder besser zum Kunstgeschehen. Wir haben die Aufgabe und die Möglichkeit ein Kunstwerk wahrzunehmen, es auf uns wirken zu lassen und uns darüber auszutauschen. Zum Schluss möchte ich diesen Austausch mit einer Beobachtung von mir anregen.
Sie sehen hier einige Diptychen von Heike Cybulski. Diptychen sind historisch gesehen zwei Bildelemente die inhaltlich und äußerlich, z. B. mit Scharnieren, verbunden sind. Bei den Diptychen von Heike Cybulski sehen sie auf den ersten Blick die beiden Bildwerke. Eine äußerliche Verbindung scheint nicht zu existieren. Zwischen den Bildern ist eine Leere. Betrachten Sie ein Diptychon noch einmal aus einiger Entfernung. Schon offenbart sich Ihnen der während des Malprozesses entstandene Spannungsbogen. Der Spannungsbogen überträgt die Dynamik des einen Bildelements auf das andere. Nun benutzt die Farbe den Spannungsbogen als Brücke. Die Farbe überwindet die Leere. Genießen sie als Betrachter diesen Moment. Nehmen Sie sich Zeit. Zeit für Farbe.
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Hildegard Willenbring
Kunsthistorikerin M.A.
Juni 2011
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